Zufällig Grand-Slam-Sieger

Zufällig Grand-Slam-Sieger

Am Mittwoch saß Tim Pütz vor den Zimmerpflanzen, die im Pressearbeitstrakt für Wohlfühlatmosphäre und bessere Luft sorgen, und meinte: „Klar freue ich mich, im Mixed-Finale zu sein. Hoffentlich haben wir morgen noch einen Sieg, den wir noch aus dem Ärmel schütteln können, und dann kann ich mich Grand-Slam-Sieger mit Sternchen nennen.“ Einen Tag später wurde Pütz dann aufgerufen, dieses Mal auf dem Sandplatz im Court Philippe-Chatrier, der sich genau oberhalb des Media Centers befindet.

Miyu Kato und er sollten nach vorne treten – Stadionsprecher Marc Maury sagte dann zwar nichts mit Sternchen, aber das Entscheidende trug der frühere Rugbyspieler vor: die neuen Mixed-Champions sind Tim Pütz, der Deutsche, und Miyu Kato, die Japanerin. Die beiden besiegten Michael Venus (Neuseeland) und Bianca Andreescu (Kanada) mit 4:6, 6:4 und 10:6 im Champions-Tie-Break.

Normalerweise läuft die Mixed-Konkurrenz, was die Anteilnahme betrifft, verhalten ab. Auch die Reaktionen in den sozialen Medien sind überschaubar. Diesmal war das anders. An diesem Donnerstag folgte Tweet auf Tweet. Tatsächlich zog diese Konkurrenz, die nur bei den vier Grand Slams auf Profiebene ausgetragen wird, ungeahnt viel Aufmerksamkeit auf sich. Der Grund: Weil Miyu Kato im Doppel disqualifiziert wurde – und Tim Pütz dann zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort war.

Aber der Reihe nach: Miyu Kato war am Sonntag mit ihrer Doppelpartnerin Aldila Sutjiadi aus Indonesien vom Turnier ausgeschlossen worden. Im Drittrundenmatch gegen die Spanierin Sara Sorribes Tormo und die Tschechin Marie Bouzkova hatte sie einen Ball nach einem Ballwechsel zu einem Ballmädchen geschlagen – nur etwas zu fest, sie traf das Mädchen, das weinte. Bouzkova monierte das Vergehen beim Oberschiedsrichter, nach Debatten folgte die Disqualifikation. Auch die Punkte und das Preisgeld (43 000 Euro) für die dritte Runde waren weg. Kato brach in Tränen aus, später entschuldigte sie sich via Twitter. Sie wurde aber auch von Profikollegen in Schutz genommen, viele hielten die Disqualifikation für übertrieben.

Aus der Notsituation wurde ein Gedanke geboren

Für Kato gingen die French Open weiter, sie marschierte am ersten Montag des Turniers zur Einschreibung im Mixed – und hier kam der Frankfurter Pütz, 35, auf einmal durch einen wilden Zufall ins Spiel.

Sie und er standen da und merkten, dass beide aufgrund der zu schlechten Weltranglistenposition des jeweiligen Partners nicht ins Feld kamen. Aus der Notsituation wurde ein Gedanke geboren, wie Pütz erzählte: „Wenn wir uns zusammen eintragen, können wir mitspielen.“ Dann stellte Pütz sich vor: „Miyu, ich bin der Tim. Ich stehe hoch genug im Ranking, dass wir zusammen reinkommen. Wollen wir zusammen spielen?“ Sie sagte ja. So wurde, was keiner ahnte, ein Grand-Slam-Sieger-Duo geboren.

Kato litt unter der Disqualifikation

Kato, das wurde Pütz schnell klar, spricht nur gebrochen Englisch. Sie versteht es besser. Sie ist schüchtern. Wie kommunizierten sie dann wegen taktischer Züge, die im Doppel und Mixed essenziell wichtig sind? „Nicht viel“, gab Pütz zu und lachte. „Stellungsspiel und Laufwege haben wir in eineinhalb Wochen noch nicht besprochen.“ Sie seien auf den Platz gegangen und hätten „geschaut, wie es läuft“. Sie haben nicht mal abgesprochen, wer auf welcher Seite returniert, sie haben sich einfach hingestellt.

Kato, auch das kam hinzu, litt unter der Disqualifikation. Auf einer Pressekonferenz brach sie in Tränen aus, ging raus, kam rein, eine Frau der Frauentour half, Pütz auch, sie wollte etwas vom Handy vorlesen, aber schaffte es nicht, so aufgelöst war sie. Was wirklich in ihr vorging, also die genauen Gedanken, das konnte Pütz nur vermuten. „Ich kann gar nicht sagen, ob das ihr richtig viel bedeutet“, hatte er vor dem Endspiel gesagt. „Ob in Japan alle Leute durchdrehen, weil sie im Mixed-Finale ist, oder ob ihr das mehr oder weniger egal ist, weil sie sich denkt: Doppel war so blöd hier, alles andere ist wurscht.“ Pütz, der Medienprofi, coachte sie auch bei der Sieger-PK. Kato wurde auf Japanisch gefragt, sie versuchte Pütz zu erklären, was sie gefragt wurde, Pütz sagte ihr einfühlsam, was sie antworten könnte. Sie antwortete auf Japanisch.

In Wimbledon wird Pütz, der sonst kaum Mixed spielte, nicht noch mal in dieser Disziplin antreten, auch wenn sich in Paris die Teilnahme gelohnt hat, beide teilen sich 122 000 Euro. Das Drama habe sie zusammengeschweißt, sagte Pütz, irgendwie schon. „Ich habe versucht, so gut es geht zu helfen.“ So sprang dieser Grand-Slam-Sieg heraus, der gar erst der dritte deutsche im Mixed bei den French Open ist, nach Cilly Aussem 1930 und Anna-Lena Grönefeld 2014.

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