„Es ist unmöglich“

„Es ist unmöglich“

Große Erschütterungen senden oft Vorbeben voraus. Solch ein kleines eruptives Zittern war jetzt auf den Tennisplätzen des Foro Italico in Rom messbar, im übertragenen Sinne. Überraschend verabschiedete sich dort der Titelverteidiger aus dem Turnier, das als die letzte große Prüfung vor den French Open gilt: Novak Djokovic, 35, der serbische Tennisimperator und 22-malige Grand-Slam-Sieger, musste sich im Viertelfinale der Italian Open, die er sechsmal hatte gewinnen können, dem Dänen Holger Rune beugen. Er war körperlich angeschlagen und litt an Rückenschmerzen.

Allerdings war Djokovics Enttäuschung nichts gegen die Frustration, die Alexander Zverev erkennen ließ, als er mit zerzausten Haaren und grimmigem Blick in Rom vor die Kameras trat. Er sei „tausend Kilometer entfernt“ von der Form seiner ärgsten Konkurrenten, erklärte er nach der Niederlage (2:6, 6:7) gegen den Russen Daniil Medwedew, der dritten bereits in diesem Jahr nach Indian Wells und Monte Carlo. Im Moment des Verlierens neigt Zverev oft zu maßlos übersteigerter Kasteiung, in Rom lautete der Selbstvorwurf nun, dass er zur Zeit „wahrscheinlich mein schlechtestes Tennis seit 2015, 2016″ spiele.

Tatsächlich wurde Zverev, 26, im Foro Italico vom Glanz eines Kollegen aus dem eigenen Verband überstrahlt: Yannik Hanfmann, 31, aus Karlsruhe, schlug sich als Qualifikant bis ins Viertelfinale durch, wo er am Donnerstag erst Medwedew unterlag (2:6, 2:6). Zuvor hatte Hanfmann nacheinander zwei Top-Ten-Spieler, den US-Amerikaner Taylor Fritz und den Russen Andrej Rublew, aus dem Turnier gekegelt. Zverev dagegen muss sich nun damit abfinden, dass er nominell nicht mehr der beste deutsche Tennisprofi ist: In der Weltrangliste hat ihn Jan-Lennart Struff als Nummer 28 überholt. Auch das wirkt vor den French Open wie ein kleines Tennis-Vorbeben.

Seit seinem ersten Start in Paris 2005 hat Nadal die French Open geprägt – und irrwitzige 14 Mal gesiegt

Heftig schlugen die Seismografen dann am Donnerstag in Mallorca auf der nach oben offenen Schock-Skala aus: Rafael Nadal, 36, hatte in Manacor, wo er zu Hause ist, zu einer Pressekonferenz gebeten und das Unausweichliche bekanntgegeben. Die French Open in Paris finden in diesem Jahr ohne den spanischen Rekordsieger statt. „Ich werde nicht in Roland Garros sein können“, sagte Nadal, „es ist unmöglich.“ Es sei eine Entscheidung, die ihn schmerze: „Wenn ihr wisst, was mir Roland Garros bedeutet, könnt ihr Euch vorstellen wie schwer mir das fällt.“ Auch in den kommenden Monaten, so kündigte er an, werde er nicht spielen können, weil seine langwierige Hüftverletzung noch immer nicht ausgeheilt ist.

Das darf im Kontext von Roland Garros tatsächlich als größtmögliche Eruption gewertet werden. In der Geschichte des Tennissports hat kein Ballkünstler ein bedeutendes Turnier derart geprägt, verändert und dominiert wie Nadal die French Open am Bois de Boulogne, wo er wie ein Sand- und Sonnenkönig verehrt wird: Vierzehn Mal hat er in Paris triumphierte. Seit er 2005 erstmals die Anlage betrat, damals im grünen Muskelshirt, mit weißem Stirnband im langem Haar und Kniehosen, hat er 112 Matches gewonnen und nur drei verloren. Und nie in den vergangenen 18 Jahren hat er dieses Turnier, sein Turnier, ausgelassen.

Doch die Dekaden seines kraftraubenden Spiels, seiner Dynamik und phänomenalen Wucht beim Schlagabtausch, forderten Tribut. Wie die 22 Grand-Slam-Siege Nadals sind auch die Verletzungen, Operationen und lange Regenerationsphasen Kennzeichen seiner Karriere. Voriges Jahr siegte er im Finale von Roland Garros trotz einer Verknorpelung im Fuß, mit der er sich seit Jahren quält. In Wimbledon musste er wenige Wochen später vor dem Halbfinale vorzeitig aufgeben, ein Riss im Bauchmuskel wurde diagnostiziert. Im Januar schließlich, bei den Australian Open, verlor er in der zweiten Runde, er hatte sich im Match bei einem Sprint die Grundlinie entlang eine Verletzung am Hüftbeuger zugezogen und humpelte, schwer gebeugt von Gram und Schmerz, aus der Arena.

Auf den Tag genau fünf Monate ist das her. Seitdem hat Rafael Nadal kein Turnier mehr bestritten. „Ich habe jeden Tag gearbeitet“, berichtete er nun in Manacor, aber es sei wenig Besserung und auch keine baldige Rückkehr auf die Tennis-Tour in Sicht. „Es ist ein Moment, in dem ich versuchen muss innezuhalten und zu sehen, ob sich der Körper regeneriert und die Last von allem abnimmt“, sagte er. „Wenn ich mich bereit fühle, komme ich wieder.“

Die Frage, wann das sein wird, ließ er offen. Sein Ziel, sagte Nadal, sei es, sich gesundheitlich in die Lage zu versetzen, den Abschluss als Tennisprofi zu genießen. Das nächste Jahr soll sein letztes der Karriere sein: „Ich will mich von allen Turnieren verabschieden, die mir wichtig sind.“ Inklusive Olympia und, natürlich, French Open.

Das Pariser Turnier, das steht jetzt schon fest, wird ein anderes sein ohne seinen Triumphator. Und es wird in wenigen Wochen Nadals Nachfolger küren.

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