Der Titeltraum lebt

Der Titeltraum lebt

Um kurz vor 16 Uhr an diesem sommerlichen Mittwoch schritt Tomás Martín Etcheverry aus dem kleinen Tunnel, der auf den Court Philippe-Chatrier führt. Er schaute hoch, nach rechts, nach links, seine Augen wanderten neugierig umher. Ihm war sofort anzumerken, dass er Neuland betrat. Noch nie hatte der Argentinier, 23, aus La Plata in der mächtigen Hauptarena der French Open gespielt. Immerhin hat er einen Hund, der wirklich „Roland Garros“ heißt – Roland Garros nennen die Franzosen auch ihren Sandplatzklassiker. Mehr Bezug hatte er aber bislang nicht zu den French Open.

Eine halbe Minute später folgte ihm Alexander Zverev auf den Platz, für den Deutschen war dieser Gang hinaus auf den Center Court so etwas wie Tagesgeschäft. Allein dreimal hatte der 26-Jährige im Verlaufe dieses Turniers in der sogenannten Night Session gespielt, womöglich haben sich manche in der Landeshauptstadt schon gefragt, ob nachts eigentlich nur dieser Hüne aus Hamburg, der in Monte-Carlo lebt, spielen darf und es anderen verboten ist.

Es trafen also wirklich zwei Spieler aufeinander, die viel unterschied: Etcheverry erlebte dieser Tage viele Premieren. Erstmals erreichte er die dritte Runde bei einem Grand Slam, dann erstmals das Achtelfinale, und nun, um Duell mit Zverev, kämpfte er gar um den Einzug ins Halbfinale. Dort, in der Runde der letzten Vier, stand Zverev bereits in den beiden vorangegangenen Jahren, 2022 musste er bekanntlich aufgrund des erlittenen Bänderrisses in der Partie gegen Rafael Nadal aufgeben. Etcheverry hielt auch ganz gut mit, doch am Ende setzte sich die Erfahrung und die spielerische Klasse des Olympiasiegers durch. Nach 3:25 Stunden stand fest: Zwölf Monate nach dem Schicksalssturz qualifizierte sich Zverev wieder für das Halbfinale von Roland Garros. Fürwahr ein großer Erfolg.

Nach dem 6:4, 3:6, 6:3, 6:4-Sieg stand Zverev beim früheren spanischen Profi Alex Corretja für ein kurzes Interview. „Ich bin im Halbfinale von Roland Garros, ich bin einfach glücklich“, sagte er und erwähnte, dass er gerade erst „das schwierigste Jahr meiner Karriere“ hinter sich gebracht habe. Zverev strahlte, er fuhr sich immer wieder gelöst mit der Hand durch seine Mähne, voller Vorfreude sagte er zu den Zuschauern: „Wir sehen uns am Freitag.“ Dann steht das Halbfinale an. In der Runde der letzten Vier trifft er auf den Norweger und Vorjahres-Finalisten Casper Ruud, der im skandinavischen Viertelfinal-Duell den Dänen Holger Rune mit 6:1, 6:2, 3:6, 6:3 besiegte.

Im ersten Satz gelang Zverev das entscheidende Break, als er Etcheverry das Aufschlagspiel zum 4:3 abnahm. Er überzeugte mit einem Spiel, das im Tennis als mächtig bezeichnet wird, das heißt, er gab dem Gegner kaum Möglichkeiten zu freien Punkten, zu Winnern, und baute selbst geduldig und fehlerarm seine eigenen Punktgewinne auf. Seine Schläge hatten eine gute Länge, so hielt Zverev den Druck auf Etcheverry konstant hoch.

Der zweite Satz blieb zunächst ausgeglichen, doch dann glückte Etcheverry das Break zum 4:2. Er kassierte es zwar sofort wieder ein, doch Zverev patzte umgehend mit zwei Doppelfehlern, dazu ein Überkopfball hinter die Grundlinie – das nächste Break für Etcheverry brachte ihm den entscheidenden Vorteil, mit dem er diesen Durchgang gewann. Etcheverry hatte sich dieses Erfolgserlebnis auch verdient.

Tennisprofi Alexander Zverev: Bot viel Gegenwehr: Tomás Martín Etcheverry.

Bot viel Gegenwehr: Tomás Martín Etcheverry.

(Foto: Benoit Tessier/Reuters)

Mit seiner harten Topspinvorhand erinnerte er sehr an diese einstige Schleuder seines berühmten Landsmannes Juan Martín del Potro, der sich 2009 mit dem Triumph bei den US Open in Argentinien unsterblich gemacht hatte. Auch sein Stirnband sowie ein leichter Bart ähnelten dem damaligen Stil del Potros. Etcheverry hat, natürlich, seine ganz eigene Geschichte, in Paris hatte er die Zuschauer mit seinem Kniefall auf dem Platz nach seinem Achtelfinalsieg gegen den Japaner Yoshihito Nishioka berührt. Seine Schwester war im vergangenen Jahr an Brustkrebs verstorben, ihr widmete er den Sieg, sie sei in Gedanken immer bei ihm. In dieser Saison gelang Etcheverry der größte Leistungsschub seiner Karriere, er ist 49. der Weltrangliste und wird nach den French Open noch höher stehen.

Zverev war gegen den Mann aus La Plata der bessere Argentinier

Zverev erwischte einen Fehlstart in den dritten Satz, verlor wieder sein Aufschlagspiel, und auch wenn er es sich zum 2:2 zurückholte und erstmals einen Schrei der Selbstanfeuerung zelebrierte, war längst klar: Wollte er gewinnen, musste er sich komplett auf diesen zähen Gegner einlassen, der ihn immer wieder in diese Ballwechsel hineinzog, die typisch sind für Profis aus Argentinien – wie beim kultigen Computerspiel Pacman sicherte Etcheverry sausend die Breite des Feldes ab, hielt die Schlaghärte konstant hoch, streute auch mal einen giftigen Stopp ein, und wenn er eine Chance sah, wurde er aggressiver mit der Vorhand. Zverev musste ihn quasi mit den Waffen eines Argentiniers besiegen – und all das, was Etcheverry gut machte, besser machen. Er tat genau dieses.

Den dritten Satz sicherte er sich, nachdem ihm das Break zum 4:2 gelungen war. Der vierte Satz war der intensivste und dauerte 61 Minuten, Zverev knackte Etcheverrys Aufschlag beim Stand von 3:3. Er hielt sein umkämpftes Aufschlagspiel zum 5:3 und verwandelte schließlich seinen ersten Matchball zum Sieg. Ja, Zverev war der bessere Argentinier.

„Ich sage jetzt nicht, es ist alles super, ich habe alles erreicht“, das hatte Zverev bereits vor seinem Viertelfinalmatch gesagt und auch zu verstehen gegeben, dass er jetzt den ganzen Weg gehen wolle: „Natürlich möchte ich weitermachen, das Halbfinale erreichen und dann noch weiterkommen.“ Für ihn zählt nur der Titel. Er will endlich, nachdem ihm Experten schon früh diesen Erfolg zugetraut haben, er aber bislang noch nicht glückte, auch ein Grand-Slam-Sieger sein.

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