Wiederauferstehung mit neuem Rekord

Wiederauferstehung mit neuem Rekord

Johannes Thingnes Bö fuhr über die Ziellinie und wischte sich symbolisch Schweißperlen von der Stirn. Ja, es war ihnen schon wichtig. Kaum hatte er die Linie überquert, rannte seine Teamkollegin Marte Olsbu Röiseland auf ihn zu, breitete die Arme aus und fiel ihm um den Hals. Wieder Gold für Norwegen. Es war allerdings nicht irgendeine der wirklich vielen norwegischen Goldmedaillen bei dieser Biathlon-WM in Oberhof. Für Bö war es die fünfte bei dieser Veranstaltung, für Röiseland die 13. in ihrer Karriere – und eine besondere dazu.

Seit Donnerstag ist Marte Olsbu Röiseland Rekord-Weltmeisterin. Durch den Sieg in der Single-Mixed-Staffel im Duett mit Bö hat die Norwegerin die deutsche Biathlon-Ikone Magdalena Neuner abgelöst. Neuner, 35 Jahre alt und mittlerweile dreifache Mutter, hielt seit ihrem Rücktritt 2012 die Bestmarke bei den Frauen mit zwölf Titeln. Das Format der Single-Mixed-Staffel war zu ihrer Zeit noch nicht erfunden, es wird erst seit 2019 ausgetragen. Ein neuer Rekord? „Ich habe das vorher gar nicht so richtig gewusst, ich habe es nach dem Rennen in der Mixed-Zone gehört“, sagte Röiseland nach dem Rennen. „Magdalena war eine fantastische Biathletin und sie zu überholen, ist toll.“

Röiseland, die Frau des deutschen Frauen-Co-Trainers Sverre Olsbu Röiseland, zeigt bei dieser Weltmeisterschaft in Thüringen Darbietungen, wie man sie von ihr kannte. Aber es war eben nicht zu erwarten, dass sie ihr Können jetzt wieder – oder überhaupt noch mal – so darbietet. Es kommt einer Art Wiederauferstehung dieser Frau gleich, die wie abgetaucht war, nachdem sie fast alles gewonnen hatte, was es zu gewinnen gab.

Röiseland infiziert sich mit Corona und erkrankt an Gürtelrose – ihr Comeback verschiebt sich

Drei sportlich außergewöhnliche Jahre hatte Röiseland erlebt: 2020 gewann sie in allen sieben Rennen von Antholz eine Medaille, davon fünfmal Gold. Zwei Jahre später ergänzte sie ihre Sammlung um drei olympische Goldmedaillen in Peking. Sie war zu diesem Zeitpunkt die unumstrittene Nummer eins der Biathlon-Welt. Dafür hatte sie sich und ihren Körper arg beansprucht. Und dann passierte es. Nur einen Monat nach den mehr als sorgsam abgeriegelten Spielen in Peking infizierte sich die damals 31-Jährige mit dem Coronavirus.

Erst hieß es, sei genesen. Doch so ganz stimmte das offenbar nicht. Immer wieder klagte Röiseland über Beschwerden und Schmerzen. Trotz nahm sie die Vorbereitungen für die Saison 2022/23 auf – und erkrankte im September 2022 an Gürtelrose. So verschob sich ihr Comeback, wieder und wieder. Die Weltcups in Kontiolahti, Hochfilzen und Annecy und Le Grand-Bornand ließ sie aus.

Biathlon-WM in Oberhof: Röiselands Teamkollege Johannes Thingnes Bö kann in Oberhof als erster Biathlet sechs (oder gar sieben) Goldmedaillen auf einen Schlag holen.

Röiselands Teamkollege Johannes Thingnes Bö kann in Oberhof als erster Biathlet sechs (oder gar sieben) Goldmedaillen auf einen Schlag holen.

(Foto: Pierre Teyssot/Action Plus/Imago)

Wie es ihr in dieser Zeit ging, deutete damals ihr Ehemann Sverre an. „Sie war sehr oft alleine und musste alleine arbeiten“, hatte er erklärt. Dabei erhob er auch leichte Vorwürfe gegen den norwegischen Verband, der die Athletin aus seiner Sicht zu wenig unterstützte. Seine Frau habe vom Verband „nicht die Hilfe bekommen, die sie hätte bekommen sollen“, ergänzte ihr Mann. Ein Vorwurfe, den sie selbst auch erhob. Ein bisschen fühle „es sich so an, als sei ich außen vorgelassen worden“.

Neuner gönnt Röiseland den Rekord

Und nun Oberhof: Zweimal Gold, einmal Bronze. Als wäre nichts gewesen. Der Massenstart und die Staffel stehen noch aus. 32 Jahre ist Röiseland inzwischen alt – und schon wieder sieht vieles danach aus, dass sie ihre umfangreiche Visitenkarte in Kürze mit „erfolgreichste Athletin der Oberhof-WM“ ergänzen darf. Magdalena Neuner wird ihr nicht mehr dazwischen funken. Die Wallgauerin gönnt der Norwegerin den neuen Titel-Rekord. „Es ist kein Problem für mich, dass Marte mich abgelöst hat. Die Zeit bleibt nicht stehen und ich freue mich für sie“, sagte Neuner. „Sie ist eine großartige Athletin und hat sich den Titel verdient.“

Den Rekord bei den Männern hält natürlich auch ein Norweger. „Mr. Biathlon“ Ole Einar Björndalen weilt zwar in Oberhof, wird sein Konto von 20 WM-Titeln aber nicht mehr ausbauen können, er ist inzwischen als TV-Experte am Start, ganz ohne Gewehr. Anders verhält es sich bei Röiselands Teamkollege Johannes Thingnes Bö, der nach seinem fünften Gold in Oberhof nun bei insgesamt 17 Titeln steht – und als erster Biathlet sechs (oder gar sieben) Goldmedaillen auf einen Schlag holen kann.

Röiseland kann es noch auf vier Titel bringen bei dieser WM. Vor wenigen Monaten hätten ihr das wohl die wenigsten zugetraut. Erst kurz vor Weihnachten habe ihr Körper auf die Belastung wieder wie erwartet reagiert. Dass hatte sie bei Björndalens Arbeitgeber TV2 erklärt. „Ich war sehr aufgeregt, als mein Körper wieder funktioniert hat“, sagte sie. Als hätte es Marte Olsbu Röiseland geahnt, wozu sie bald wieder in der Lage sein würde.

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