Down under in Oberhof

Down under in Oberhof

Mit Startnummer eins ging es für sie in diese WM, zumindest beim Einmarsch der Länder. A wie Australien ließen sie als Erstes ausrufen, damit die australische Delegation sich auf die Bühne begebe. Die Fahnenträgerin kam dem Aufruf zuerst nach, gefolgt von ihrem Staff: keine Gruppe, sondern ein Mann. Momente später stand diese sehr kleine Vertretung Australiens nun ohne Fahne vor der Bühne; die Athletin bibberte, sie war nur in eine dünne Jacke gekleidet.

Zwei Tage später sitzt die Biathletin Darcie Morton mit Fleecepullover in einem warmen Frühstücksraum und spielt mit ihren Fingern. Fast ein wenig nervös wirkt die 23-Jährige, über die im Netz nicht allzu viel zu finden ist. Wie auch, meint sie, bisher haben nur ab und zu Lokalzeitungen daheim in Victoria über sie berichtet. Die dünne Bekleidung am Eröffnungsabend? „Es ist meine einzige Jacke, die ein bisschen australisch aussieht“, erklärt sie. Auf Instagram folgen ihr gut 850 Menschen, was deshalb ungewöhnlich wenig ist, weil Darcie Morton im Weltcup läuft und schießt. Am Freitag startet sie beim WM-Sprint von Oberhof. „Mein Ziel ist, dass ich unter die besten 60 komme.“

Biathlon ist in Australien in etwa so groß und bekannt wie „Aussie Rules Football“ in Deutschland. Nah dran an der Nichtexistenz. Im Hochleistungsbereich des australischen Biathlons ist Darcie Morton weit und breit die Einzige, acht Nachwuchsathleten im jungen Erwachsenenbereich zählt das Land, und insgesamt etwa 30 Jugendliche. Es gibt auch nur eine Anlage in Australien, wo Biathleten mit ihren Kleinkalibergewehren schießen können. Aber, sagt Morton, es half alles nichts. Es musste Biathlon sein.

Eine Teilschuld an ihrer Neigung zur sportlichen Exotik trägt Vater Cameron Morton. Er gilt als Pionier des australischen Biathlons, war 2006 bei den Olympischen Winterspielen in Turin dabei. Seine Tochter Darcie stand da längst schon auf Skiern. „Seit ich gehen kann, kann ich langlaufen“, sagt sie. Und doch hätte sie es einfacher haben können.

Biathletin Darcie Morton: Zwei Menschen, eine Leidenschaft: Darcie und Cameron Morton.

Zwei Menschen, eine Leidenschaft: Darcie und Cameron Morton.

(Foto: Detlef Eckert/oh)

Morton war in ihrer Jugend eine der besten Tischtennisspielerinnen des Landes. Sie stand im australischen Nationalteam und in der Ozeanien-Auswahl, spielte international. Die „schnelle Augen-Finger-Koordination des Tischtennissports“ habe ihr in der Teildisziplin Gewehrschießen durchaus geholfen, dort sind ähnliche Eigenschaften gefragt. Allerdings vertrug sich die Kombination der beiden Sportarten terminlich zunehmend weniger. Mit 15 musste sie sich entscheiden: Biathlon oder Tischtennis? Morton muss lachen. „Was für eine Frage?“

Einige Platzierungen kurz hinter den Top 80 sind ihr im Weltcup bisher geglückt, eine längere Lungenerkrankung warf sie zuletzt allerdings zurück. Nun ist sie gesund, kleine Räusperer, der Husten ist verschwunden. Deswegen weilt sie nun hier bei der WM in Oberhof mit den besten Biathleten der Welt, von denen die wenigsten ihren Namen kennen. Und sitzt im günstigsten Hotel am Stadtrand von Oberhof. Auch das hat seinen Grund.

Finanziell sind sogenannte Exoten meist nicht gerade im Überfluss ausgestattet. In Darcie Mortons Fall gilt das ganz offenbar auch. Gesponsert wird sie vor allem von ihren Eltern. Hinzu kommt ein Skistockhersteller, ein Skihersteller und die österreichische Gemeinde Obertilliach, auf deren Biathlonanlage sie trainiert – wenn sie nicht gerade studiert. Die 23-Jährige hat gerade erst ihren Bachelor in Medizinwissenschaften in Canberra abgeschlossen. Das ist zeitlich möglich, weil die Winterwettkämpfe in Europa in ihren Semesterferien stattfinden. Zwischen den Vorlesungen, Seminaren und Prüfungen sah man sie in den vergangenen Jahren in Canberras Cafés kellnern. „Ich muss in Australien immer viel ansparen“, sagt sie, „damit sich die Saison finanzieren lässt.“

Gut 300 Athleten sind in Oberhof am Start, nicht alle von ihnen sind vollfinanzierte Profis. Aber kellnern werden die wenigsten von ihnen, vielleicht niemand sonst. Insofern ist es ein nicht ganz gleicher Wettbewerb für Morton, als fordere die zweite Mannschaft des FSV Schmalkalden die Champions-League-Truppe des FC Bayern heraus. Allerdings hat die Australierin eine Eigenschaft anzubieten, die durchaus hilfreich sein kann in diesem Geschäft: 154 Zentimeter Ehrgeiz und Zuneigung. Warum sie das alles macht? So viel Zeit, Kraft und Geld in diesen Sport steckt? „Ich habe praktisch mein komplettes Leben dafür trainiert“, so Morton. „Es hat mir ermöglicht, neue Kulturen und Menschen kennenzulernen und Deutsch zu sprechen.“

Wenige kennen sie hier in Oberhof oder wissen gar von ihrem Traum, sich beim WM-Sprint am Freitag erstmals für das Verfolgungsrennen zu qualifizieren. „Das wäre locker drin“, meint ihr Trainer Joe Obererlacher, der sich dazugesetzt hat. Einst war der Österreicher in der Loipe Konkurrent ihres Vaters, nun hat er die Tochter auf die WM vorbereitet. Es wäre drin, mit der Verfolgung, nur ein Problem gebe es da. „Die ersten beiden Runden läuft Darcie immer Vollgas – und in der dritten bricht sie ein“, sagt Obererlacher. Schuldbewusstes Grinsen am anderen Tischende.

Verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert