Der Bratwurst-Glücksbringer versagt

Der Bratwurst-Glücksbringer versagt

Die Thüringer Rostbratwurst gilt nicht unbedingt als klassische Sportlernahrung. Und so ist es eventuell vernünftig, dass die Sportlerin Vanessa Voigt ihre Lieblings-Rostbratwurst als Attrappe am Rucksack baumeln hat. Die baumelnde Wurst ist nicht zum Verzehr geeignet und darf demnach als Dauerwurst dieser Ausdauersportlerin bezeichnet werden. Oder, wie Vanessa Voigt es nennt: „Mein Glücksbringer.“

Der Talisman allein reicht nicht, wie sich am Mittwoch zeigte. Am ersten Tag der Biathlon-Weltmeisterschaften in Oberhof strauchelte Startläuferin Vanessa Voigt, verhakte sich mit einer Konkurrentin und kam beinahe zu Sturz. Denise Herrmann-Wick hatte Rang drei erlaufen, ehe Benedikt Doll dem deutschen Team eine Strafrunde einhandelte und somit die Chance aufs Podium vergab. Schlussläufer Roman Rees kam schließlich als Sechster ins Ziel. „Das ist jetzt keine totale Enttäuschung“, sagte Voigt nach dem Rennen im Ziel. Es sei ihr aber „nicht so leicht gefallen, mit den ganzen Medienterminen, jeder will was von einem.“ Aber: „Es ist auch spannend, diesen Prozess mitzuverfolgen.“

Die Rucksack-Wurst von Vanessa Voigt wurde ihrer einstigen Bestimmung erst einmal nicht gerecht. Befestigt hat Voigt sie vor ziemlich genau einem Jahr, kurz nachdem sie den Glücksbringer vom Bürgermeister ihrer Herkunftsgemeinde Floh-Seligenthal überreicht bekommen hatte. Bei Olympia in Peking hatte sie ihn schon dabei, ehe sie mit einer Bronzemedaille im Gepäck nach Hause kehrte. In Oberhof hat sie nun eine etwas kürzere Anreise, fünf Minuten sind es von daheim bis in die Biathlon-Arena.

Voigt vertritt nur noch als einzige das einst stolze Biathlon-Land Thüringen

Es ist ihr ganz persönlicher Heimvorteil. Aber eben wie so oft mit Begleiterscheinungen. Voigt geht als einzige Athletin des so stolzen Biathlon-Landes Thüringen an den Start. In der Lokalpresse wurde die hiesige Biathlonszene deswegen schon abgewatscht, hinterlegt mit dem Hinweis, wie anders dies doch einst war. 2004, bei der ersten WM in Oberhof, stellte Thüringen mehr als die Hälfte aller deutschen Starter – sieben von 14. Nun steht diese Quote bei eins aus zwölf. Sechs stammen indes aus Bayern, der oberbayerische Stützpunkt Ruhpolding hat Oberhof sportlich den Rang abgelaufen. Dafür hat Oberhof heuer mehr Schnee.

Frank Luck, Kathi Wilhelm, Katrin Apel, Sven Fischer und Peter Sendel hatten auf der Eröffnungsfeier am Dienstagabend an große Thüringer Biathleten-Zeiten erinnert, sie alle waren 2004 dabei, nicht zu vergessen Andrea Henkel und Alexander Wolf, die das Thüringer WM-Septett seinerzeit komplettierten. Die Heimfans also werden sich eventuell auf ihre Bratwurst-Vanessa fokussieren, damit sie sich gemeinsam zu Gold-Nessi brüllen können. Mit dieser Gemengelage, die im Sport gerne Druck genannt wird, hat Voigt sich auseinanderzusetzen.

Wie sehr sie im Fokus steht, ließ sich am Dienstag im Stadion erahnen, als zwar noch keine Fans hereinströmten aber eine Schar von Journalisten. 20 von ihnen umzingelten eine Frau, die gerade ihren Rucksack samt Glücksbringer abgestellt hatte und für ein Interview bereit stand. „Ich glaube, von außen wird schon ziemlich viel erwartet“, erklärte sie. „Und wenn man dann noch die Erwartungen an sich selber zu hoch schraubt, ist es nicht die perfekte Mischung.“

Auch den anderen DSV-Biathleten unterlaufen Fehler, Benedikt Doll muss in die Strafrunde

Zu bemitleiden wird sie kaum sein, das erklärte sie auch noch. Zumal sich so manche angekündigt haben, die Voigt etwas besser kennt. „Die Familie wird die komplette WM da sein, jedes Rennen“, erklärte sie. Stets an ihrer Seite, auch hier in Oberhof: Ihr Zwillingsbruder und Mitbewohner Kevin, der als Fotograf arbeitet und sie die Saison über begleitet. Angesichts all dieser nützlichen Umstände verspüre sie durchaus Vorfreude. Nicht ganz zu unrecht, wie sich am Mittwoch gleich zeigte.

19 000 lautstarke Zuschauer waren zum Auftakt in die Arena am Rennsteig gekommen – in der Hoffnung, den ersten deutschen Mixed-Staffel-Sieg seit sechs Jahren zu bejubeln. Doch daraus wurde nichts. Den ersten WM-Titel sicherten sich die ohnehin favorisierten Norweger trotz Strafrunde und neun Nachladern vor Italien (sechs Nachlader, 11,6 Sekunden zurück) und Frankreich (neun Nachlader, 55,9 Sekunden zurück). Das DSV-Quartett lag am Ende eine Minute 26,5 Minuten zurück. Entscheidend war nicht Voigts Strauchler, eher die vielen deutschen Schießfehler, allen voran die von Doll, der sich liegend besagte Strafrunde leistete.

Voigt hatte nach zwei Nachladern mit einer Minute Rückstand und „einem gemischten Gefühl“ als Elfte übergeben. Der immer noch recht neue Biathlon-Sportdirektor des Deutschen Skiverbands Felix Bitterling hatte ihr tags zuvor noch ein gutes Zeugnis attestiert. „Wir sind sehr glücklich über ihre Entwicklung“, hatte er erklärt, nachdem sich die Reporter von Voigt gelöst und in Bitterling ein neues Ziel entdeckt hatten. Bitterling erinnerte nun an Ruhpolding, wo Voigt unlängst vor vollen Rängen beim Massenstart auf Rang fünf und beinahe aufs Podium lief. Volle Ränge kämen Voigt entgegen, so Bitterling. „Ich habe das Gefühl, wenn sie vor großem Publikum läuft, dann gibt ihr das einen extra Kick.“ Der blieb aus, aber es hätten ja auch noch 8000 Menschen mehr im Stadion Platz gehabt.

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