Trinchieris Rookie-Theorie

Trinchieris Rookie-Theorie

Es ist gute Sitte im Basketball, dass der Verlierer vor seinem ersten offiziellen Statement dem Gegner zum Sieg zu gratuliert. Andrea Trinchieri hat in dieser Saison einige Übung darin, in Euroleague und Basketball-Bundesliga (BBL) musste er sich zusammengerechnet 33 Mal anerkennende Worte über die Lippen pressen, so oft wie noch nie in seiner Zeit als Trainer des FC Bayern München. Am Sonntagabend zollte er dem Ulmer Kollegen Anton Gavel Respekt für den 87:69-Auswärtssieg im ersten Playoff-Halbfinale, einen „verdienten Sieg“, wie er präzisierte: „Sie haben uns in den Hintern getreten.“

Auch die Erklärungen, die Trinchieri hinterher lieferte, hat man schon gehört. Er habe zu viele Neulinge im Team, Spieler ohne Erfahrung in derlei K.-o.-Serien. Der Italiener beklagte erneut, dass ihm in Kapitän Vladimir Lucic, Augustine Rubit und Othello Hunter die Anführer fehlen, gegen Ulm kam auch noch der erkältete Corey Walden hinzu. Noch ein Anführer, der im Laufe der Saison indes nicht immer das uneingeschränkte Vertrauen des Trainers genoss. Zudem habe den Spielern die „mentale Disziplin“ gefehlt, womit Trinchieri wohl neben den körperlichen auch psychische Abnutzungserscheinungen meinte.

Nur trifft diese Rookie-Theorie des Trainers nur auf die drei US-Amerikaner Cassius Winston, Freddie Gillespie und Zylan Cheatham zu, ansonsten hat er eine ganze Reihe an international erfahrenen Akteuren im Kader. Gerade auf den deutschen Positionen hat ihm sein Verein den Wunsch nach Hochkarätern erfüllt. Niels Giffey, Nick Weiler-Babb und Andreas Obst haben neben vielen Euroleague-Partien den Gewinn der EM-Bronzemedaille in ihrem Portfolio stehen. Isaac Bonga ist deutscher Nationalspieler, Ognjen Jaramaz spielt für Serbien, Elias Harris und Paul Zipser, der im Übrigen einmal mehr keine Sekunde auf dem Spielfeld stand, sind ebenfalls international erfahren. Und D.J. Seeley wurde ob seiner Euroleague-Erfahrung für genau diese Spiele nachverpflichtet, schmorte aber die gesamte Viertelfinal-Serie auf der Bank. Das 3:0 gegen Göttingen hatte bereits reichlich Schwächen offenbart, im zweiten Vergleich etwa warf die Verletzung von Obst das Münchner Team derart aus dem Rhythmus, dass es fast verloren hätte. Und nun stand ein vor Kraft strotzender Gegner auf dem Parkett, der den matten Meister Berlin eliminiert hatte.

Ulm schwimmt nach dem Sieg gegen Meister Berlin auf einer Welle, aber die Münchner haben mehr Qualität im Kader

Natürlich schwimmt Ulm auf einer Welle, die Schwaben haben zudem in Spielmacher Yago Dos Santos und dem NBA-erfahrenen Center Bruno Caboclo ein brasilianisches Duo erster Güte auf dem Feld. Und auch in der Breite sind sie so gut aufgestellt wie nie zuvor, der ehemalige Münchner Karim Jallow, der sich bei den Bayern nicht durchsetzen konnte, bringt viel Energie ins Spiel. Brandon Paul ist ein erfahrener Flügelspieler, auch Robin Christen, der Deutsch-Österreicher Thomas Klepeisz und Philipp Herkenhoff, der erst kürzlich von einer einjährigen Verletzungspause genesen ist, geben Trainer Anton Gavel gute Optionen. Aber in Sachen Playoff-Erfahrung ist Ulm den Münchnern nicht voraus.

Basketball-Playoffs: Gegen Ulm wirkten die Münchner und ihr Trainer Andrea Trichieri (Mitte) müde und ratlos.

Gegen Ulm wirkten die Münchner und ihr Trainer Andrea Trichieri (Mitte) müde und ratlos.

(Foto: Heike Feiner/Eibner-Pressefoto/Imago)

Zudem war es ein spanischer Teenager, der die Gäste zum Sieg führte. Juan Nunez ist erst 18 Jahre alt, durchlief zwar das Jugendprogramm von Real Madrid, auffällig war er bisher aber nur in Nachwuchsteams. Von den Bayern ließ er sich nicht stoppen, erzielte 19 Punkte und sorgte dafür, dass Ulm immer im Spiel blieb. Dennoch lagen Mitte des dritten Viertels die Bayern 62:56 vorne, vieles deutete auf den erwarteten Spielverlauf hin. Aber es genügten drei Dreier von Dos Santos, um die Gastgeber wie schon gegen Göttingen völlig aus dem Konzept zu bringen.

Sofort wurde das Münchner Spiel hektisch und fehlerhaft, das Team agierte eigenartig kopflos. Auch von der Bank kamen keine spielverändernden Impulse, Trinchieri hielt vielmehr meist an Winston im Aufbau fest. Der war zwar mit 13 Punkten Topscorer, bestätigte dennoch seine Rookie-Theorie. Der 25-jährige Spielmacher versucht in derlei Situationen, Entscheidungen alleine herbeizuführen, und verzettelt sich dementsprechend oft in Einzelaktionen.

Die Münchner wirken angeschlagen, auch Trinchieri, der sonst in derlei Situationen Kampfgeist und Angriffslust versprüht, macht einen müden Eindruck. Aber auch, wenn sein Abschied nach der Saison dem Vernehmen nach beschlossene Sache sein soll, darf man den FC Bayern nie zu früh abschreiben. Zumal am Dienstag in Spiel zwei (20.30 Uhr, Audi Dome) in Walden ein Anführer zurückkehrt.

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