Mit leerem Tank gegen die Kraftprotze

Mit leerem Tank gegen die Kraftprotze

Als hätte der große Dramatiker William Shakespeare zur Feder gegriffen: Viertes Playoff-Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft, zehn Sekunden noch zu spielen, Berlin liegt in Ulm 81:83 hinten, braucht einen Sieg, um das Aus abzuwenden. Johannes Thiemann schnappt sich den Rebound, passt zu Maodo Lo, Berliner Junge, Identifikationsfigur des deutschen Serienmeisters. Mit letzter Kraft dribbelt Lo zum Korb der Ulmer, steigt hoch zum finalen Wurf, dem Dreier zum Sieg – und der Ball knallt gegen den Ring.

Aus, vorbei, der Titelverteidiger ist überraschend gescheitert – und das Spiel hatte seine tragische Figur. Dieser Fehlwurf des Berliner Regisseurs steht für vieles mehr als das bloße Ausscheiden des großen Favoriten gegen einen stark aufspielenden Außenseiter. Er erzählt die Geschichte einer immer besser besetzten Basketball-Bundesliga (BBL), einem Wettbewerb, der ständig an Attraktivität gewinnt – er erzählt aber auch die Geschichte einer permanenten Überbelastung seiner besten Profis.

Die Nationalspieler Thiemann, 29, und Lo, 30, eignen sich bestens, um den Irrsinn dieser Basketballsaison zu erklären. Vor der Saison kehrten beide als EM-Helden zur Mannschaft zurück, Deutschland hatte mit dem Gewinn der Bronzemedaille eine kleine Euphorie losgetreten. Das hatte nur auch zur Folge, dass zwei Schlüsselspieler ohne Pause in die Saison einstiegen – was im Übrigen auch für die israelischen Nationalspieler Tamir Blatt und Yovel Zoosman galt.

Neben der Bundesliga spielte der Meister auch in der Euroleague, einem zweiten vollgepackten Wettbewerb, was sich auf 75 Saisonspiele summierte – und so gewissermaßen zwei Spielzeiten in einer. Center Thiemann wollte nun weder jammern noch die Leistung der famos aufspielenden Ulmer schmälern, gab aber zu, dass „die Belastung in einer so langen Saison natürlich eine Rolle gespielt hat. Wir hatten hinten raus nicht die beste Form. Der Tank war ein bisschen leer, da wird es schwer gegen ein Team, das so heiß ist.“ Trainer Israel Gonzales assistierte: „Wir hatten viele Probleme, waren für diese Playoffs in keiner guten physischen Verfassung.“

Ulm strotzt vor Kraft und Selbstvertrauen, nach einem holprigen Saisonstart ist das Team zur rechten Zeit in Bestform

Auch Ratiopharm Ulm hat einen internationalen Wettbewerb gespielt, die Anforderungen im zweitklassigen Eurocup waren aber geringer. Mit Verletzungen hatten zwar auch die Schwaben zu kämpfen, doch in der entscheidenden Saisonphase ist das Team offenkundig in eine gute Form geschlüpft: Philipp Herkenhoff, der sich so ziemlich alle Bänder im Knie gerissen hatte und ein Jahr auf sei Comeback hinarbeite musste, demonstrierte sein Können. Kraftpaket Karim Jallow und der wuchtige, NBA-erfahrene Center Bruno Caboclo, den die Ulmer Anfang des Jahres nachverpflichtet haben, brachten viel Energie auf den Court – alle drei erzielten jeweils 14 Punkte. Regisseur Yago dos Santos, der mit Caboclo ein starkes brasilianische Duo bildet, lenkte wie gehabt das Spiel und war zudem Topscorer (16 Punkte).

Es war eine hochklassige und intensive Partie, auf der einen Seite der Meister, der die letzten Kraftreserven mobilisierte und in Jaleen Smith (18 Punkte) und dem 22-jährigen Toptalent Malte Delow (15) seine besten Schützen hatte. Auf der anderen Seite der Underdog, der sich mit zwei Auswärtssiegen die gute Ausgangsposition geschaffen hatte und nun mit seinem physischen Spiel erfolgreich dagegenhielt. Diese neue Ausgeglichenheit tut dem Wettbewerb zweifellos gut, sie macht die Bundesliga attraktiv wie lange nicht mehr. Wer hatte vor der Saison im Titelkampf nicht den üblichen finalen Vergleich der beiden finanzstärksten Vertreter Alba Berlin und FC Bayern erwartet? Nun stehen in Ludwigsburg und Bonn zwei weitere aufstrebende Mannschaften im Halbfinale – gerade die Bonner haben eine famose Saison gespielt und gelten vielen nach dem Sieg in der Champions League sogar als erster Titelanwärter.

Wie das Berliner ist auch das Münchner Team nach einer brutalen Saison geschunden, es fehlen wichtige Spieler

Auch den Ulmern ist nun einiges zuzutrauen, dieser Erfolg bringt Selbstvertrauen und Energie. Dem Halbfinalgegner FC Bayern hat der Ulmer Trainer Anton Gavel noch auf dem Spielfeld die Favoritenrolle zugeschanzt. Gavel hat mit dem FC Bayern das Double gewonnen (2018), er weiß um den Druck in München, zumal nach drei verpassten Meisterschaften und einer Vorsaison ohne Titel. Und er weiß, dass die Bayern nach 75 Pflichtspielen genauso geschunden sind wie die Berliner, es fehlen drei wichtige Akteure verletzt.

Alba-Aus in den BBL-Playoffs: "Es muss was passieren": Berlins Center Johannes Thiemann (Mitte, gegen die Ulmer Robin Christen und Bruno Caboclo, v.l.) war im entscheidenden Saisonfinale nicht in Vollbesitz seiner Kräfte.

„Es muss was passieren“: Berlins Center Johannes Thiemann (Mitte, gegen die Ulmer Robin Christen und Bruno Caboclo, v.l.) war im entscheidenden Saisonfinale nicht in Vollbesitz seiner Kräfte.

(Foto: Roger Buerke/Eibner-Pressefoto/Imago)

Das wiederum tut dem Wettbewerb nicht gut, erklärt Johannes Thiemann. „Jeder Zuschauer will die besten Spieler sehen, aber die fehlen dann verletzt.“ Spieler wie Vladimir Lucic, Kapitän der Münchner sowie der serbischen Nationalmannschaft. Spieler wie Lo und Thiemann, weil sie überspielt im Saisonfinale nicht die beste Leistung zeigen und frühzeitig ausscheiden. Und im September steht schon die Basketball-Weltmeisterschaft in Japan, Indonesien und auf den Philippinen an. Thiemann sagt: „Man kann nicht elf Monate durchspielen, und das zehn Jahre lang. Das macht kein Körper mit.“

Dieses Thema ist beileibe nicht neu, die Vereine mahnen diese Überbelastung seit Jahren an – geschehen ist nichts. „Es muss aber etwas passieren“, sagt Thiemann, „das ist schädlich für den Basketball.“ Immerhin können sich die Berliner Nationalspieler nun vor der WM ein paar Tage länger erholen. Thiemann ist das kein Trost: „Es ist einfach nur bitter, so früh aus dem Titelkampf auszuscheiden.“

Die Berliner werden ihre Lehren aus der Saison ziehen, der Kader muss breiter werden, jünger: „Da wird sich etwas tun“, sagt Thiemann. Geschäftsführer Marco Baldi hatte beim Sender Magentasport schon vor Wochen einen Umbruch angekündigt. Es sei aber nicht der Moment, um über die Zukunft zu sprechen, so Thiemann: Jetzt sei der Moment für Trauer.

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