Der Opernsänger sagt Arrivederci

Der Opernsänger sagt Arrivederci

Es ist nicht vorbei, ehe es nicht vorbei ist – das hatte Andrea Trinchieri nach der zweiten Pleite der Bayern-Basketballer im Playoff-Halbfinale gegen Ratiopharm Ulm am Dienstag gesagt. Als es am Freitag dann wirklich vorbei war, war es auch so richtig vorbei – der 54-Jährige zog wenige Minuten nach dem Ausscheiden den Schlussstrich.

Somit ist die kurze Ära Trinchieri in München nun beendet, seine letzten Worte auf der Pressekonferenz im kleinen, dunklen Ulmer Konferenzraum nach einer sechsminütigen Abschiedsrede lauteten: „Grazie, Arrivederci“. Zu Ende geht es mit einem glatten 0:3 des Tabellendritten gegen den Tabellensiebten der Hauptrunde, der allerdings in Hochform ist und im Viertelfinale schon Alba Berlin mit 3:1-Siegen ausgeschaltet hatte.

Es hätte an dieser Stelle noch nicht zu Ende sein müssen. Die letzte Aktion von Trinchieris Mannschaft war eigentlich genial gewesen. Was in den Schlusssekunden dieses Spiels geschah, das war dann in gewisser Weise repräsentativ für die gesamte Bayern-Saison. Die Szene passte auch zu Trinchieri selbst, dem gebürtigen Mailänder, der die Attitüde eines Opernsängers an den Tag legt: pathetisch, dramatisch, manchmal größer als das Leben.

Die Bayern mussten nach zwei Niederlagen in eigener Halle nun in Ulm gewinnen, und sie schafften es am Freitagabend kurzzeitig, ihre derzeit größte Schwäche zu überwinden: Sie brachen nicht ein, wenn es beim Gegner lief, auch nicht unter diesem unglaublichen Lärm in der Arena in Neu-Ulm, sie kamen immer wieder zurück, sie kämpften, Tribut waren frühe Foulprobleme. Sie nutzten im Gegenteil die Panik, die Ulms Trainer Anton Gavel seinem Team im Schlussviertel bescheinigte, und holten 16 Punkte auf. Die Bayern waren nur wenige Momente vom Sieg entfernt. Doch 8,8 Sekunden vor Schluss wurde es noch einmal richtig laut, als Ulms Brandon Paul einen Dreier zum Ausgleich versenkte, aus sehr schwieriger Lage.

In der Verlängerung kamen die Bayern auch erst wieder ins Spiel, als sie schon deutlich zurücklagen. Und dann, 2,4 Sekunden vor Schluss, dieser geniale Schachzug von Trinchieri: Die Bayern benötigten drei Punkte. Nick Weiler-Babb versenkte einen Freiwurf. Noch zwei also. Weiler-Babb legte den zweiten Wurf auf den Ring, holte sich selbst den Rebound – und warf den Ball weit weg, hinaus zu Andreas Obst, der an der Dreierlinie wartete. Ulms Coach Gavel nennt Obst den „mittlerweile wohl besten Werfer Europas“, doch Trinchieri gelang es, Obst in so einer Situation so frei wie nie zum Wurf kommen zu lassen. Doch Obst traf nicht. Schlusssirene, Ulms Hasen-Maskottchen namens „Spass“ hüpfte aufs Feld, Ulm feierte, Bayern war besiegt. Immerhin hatte Rot sich noch einmal gut verkauft, nicht mehr und nicht weniger.

Während Trinchieri bei Magentasport lediglich sagte: „Ich glaube, es war das letzte Spiel meiner Amtszeit bei Bayern“, wurde er in der Pressekonferenz deutlicher. „Das war mein letztes Spiel mit Bayern.“ Er bedankte sich bei seiner Mannschaft, bei Präsident Herbert Hainer, bei Sportdirektor Daniele Baiesi, der bei der Pressekonferenz stehend und mit einem Rucksack über der Schulter zuhörte. Und bei Geschäftsführer Marko Pesic, der für ihn „ein Partner“ gewesen sei. „Ich denke, wir hätten es heute verdient, Spiel vier zu erreichen. Und diese Mannschaft hätte auch einen Titel mehr verdient“, fand Trinchieri. Zwei nationale Pokale wurden in drei Jahren gewonnen, als erste deutsche Mannschaft erreichten die Trinchieri-Bayern die Euroleague-Playoffs, sogar zweimal in Serie – wenngleich einmal ohne Zuschauer und einmal ohne russische Teams. Andere hätten nun die Aufgabe, „den Aufkleber, das Label“ auf seine Amtszeit zu pappen.

Und dann gab es noch einen kleinen Seitenhieb in Richtung deutscher Schiedsrichter. Die Tatsache, dass er in der Verlängerung seines letzten Spiels mit Bayern ein technisches Foul kassierte, „das wird eine Seite in meinem Buch“, sagte er wütend, „unglaublich“, sagte er auf Deutsch. Manche Referees seien wie die Polizei.

Der Nachfolger von Trinchieri bei Bayern wird wohl Pablo Laso

Ein paar Minuten später beantwortete auch Pesic noch ein paar drängende Fragen, wenngleich es erst einmal keine weiteren Personalien zu verkünden gab. (Allerdings verlässt nach SZ-Informationen auch Paul Zipser den FC Bayern und wechselt nach Heidelberg.) „Wenn er es so gesagt hat, dann ja“, antwortete Pesic auf die Frage, ob nun Trinchieri von sich aus aufgehört hat. Dem Coach war es offensichtlich wichtig, selbst den Schlussstrich zu ziehen angesichts seines auslaufenden Vertrags.

„Trinchieri hat uns sein Herz gegeben“, befand Pesic, „er war immer zu hundert Prozent da. Er hat auch sehr viel Pech gehabt, mit Verletzungen in den letzten zwei Jahren.“ Das Dauerthema bei den Bayern. Tatsächlich hatte Trinchieri in den drei Jahren für kein einziges Spiel den kompletten Kader zur Verfügung. Pesic sagte aber auch: „Vielleicht haben wir zu viel mit uns selbst gehadert, zu viel drüber nachgedacht, was wir nicht haben“, anstatt sich darauf zu konzentrieren, was man hat. Ein bisschen mehr Konzentration darauf hätte vielleicht die nötige Ruhe in entscheidenden Situationen geliefert. Insofern war diese Halbfinalserie auch ein Stückweit sinnbildlich für mehrere Spielzeiten.

Der Tacheles-Abschied Trinchieris bedeutet aber nicht, dass sein Nachfolger nun genauso schnell vorgestellt wird. Pablo Laso, 55, war ein Jahrzehnt lang Trainer von Real Madrid, hatte sich jedoch im vergangenen Jahr nach einem Herzinfarkt eine Auszeit genommen. Er ist unter anderem zweimaliger Euroleague-Sieger. Die Bekanntgabe seiner Verpflichtung dürfte nur noch eine Zeitfrage sein, allerdings wird sie wohl noch nicht vollzogen, wenn die Spieler am Sonntag mit den Fans den Saisonausklang begehen. Jetzt haben die Bayern auch etwas, wonach sie sich eigentlich auch oft in der langen Saison gesehnt haben: Ruhe und Zeit.

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